Truth is concrete


    Die Wahrheit ist konkret   

 

„Kunst ist ein linkes Hobby“
(Geert Wilders)

 

Die Niederlande, Ungarn, Spanien, Großbritannien, Griechenland, Tunis, Ägypten, Syrien, Japan… eine Liste in progress von Ländern als Synonyme für Krisen, Hoffnungen, Katastrophen, die unsere Welt schneller ändern, also wir folgen können. Der Aufstieg der populistischen Rechten, finanzielle Kahlschläge, die das gesamte europäische Projekt bedrohen, strukturelle Zerstörung von Bildung und Kultur, demokratische Aufstände, islamischer und christlicher Fundamentalismus, Umweltkatastrophen: Wo anfangen, wo aufhören?

Welche Rolle spielt Kunst in diesem Rausch von Ereignissen, dem wir kaum folgen und den wir noch weniger verstehen können? Zu einer Zeit, in der die Theorie und die Praxis der Realität nur noch hinterherlaufen? In der Kunst eher als linkes Hobby denn als Fundament der Menschheit angesehen wird?

Wir haben gelernt, dass es keine einfachen Antworten mehr gibt. Wir trauen keinen Ideologien mehr, folgen aber der Ideologie des Kapitalismus. Wir wissen, dass alles kontingent und relativ ist. Wir ersetzen Kritik durch Kritikalität, Politik durch das Postpolitische, die Moderne durch die Postmoderne und Kapitalismus durch Mehrwert. Wenn aber die Antworten zu kompliziert werden, dann wächst das Bedürfnis nach einfachen Lösungen. Und wir – vielleicht ja tatsächlich linke Hobbyisten – haben, wie es scheint, den Kontakt mit einer breiteren Basis verloren. Im ständigen Bewusstsein um die Komplexität von Konzepten wie Wahrheit, Wirklichkeit und Politik haben wir uns in eine Sackgasse manövriert: Entweder sind wir zu simpel oder zu komplex, zu populistisch oder zu hermetisch. Entweder wir schließen zu viel ein oder wir schließen zu viele aus.

Was tun? Muss Kunst dazu beitragen, jene Probleme zu lösen, die Politik und Gesellschaft so lange ignoriert haben? Soll Kunst ein soziales oder politisches Werkzeug sein, kann sie nützlich sein? Warum sollte sie wissen, was zu tun ist, wenn es sonst niemand weiß?

„Die Wahrheit ist konkret“ stand in großen Buchstaben über Bertolt Brechts Schreibtisch im dänischen Exil – Lenin zitierend, Hegel zitierend, Augustinus zitierend. Wir nutzen die Möglichkeit konkreter Wahrheit als Arbeitshypothese und suchen nach direktem Handeln, konkretem Wandel und Wissen. Im Großen wie im Kleinen, laut und aggressiv oder intim und vorsichtig. Offenkundig oder diskret. Eine Kunst, die nicht nur präsentiert und dokumentiert, sondern sich in spezifische politische und soziale Kontexte einmischt, und ein Aktivismus, der nicht nur um des Agierens willen agiert, sondern nach intelligenten, kreativen Mitteln der Selbstermächtigung sucht.

www.steirischerherbst.at

 

Truth is concrete

“Art is a left-wing hobby.”
(Geert Wilders)

The Netherlands, Hungary, Spain, Great Britain, Greece, Tunis, Egypt, Libya, Syria, Japan… A list in progress of countries as synonyms for crises, hopes, disasters that are changing the world so fast, we can’t keep track: The rise of the populist right, financial devastations threatening the whole European project, fundamental destruction of economical, educational and cultural structures, democratic uprisings, Islamic fundamentalism, threats of technological and ecological catastrophes – where to start, where to end?

What is the role of art in this race of events that we can barely follow, let alone properly understand? At a time when theory and practice are constantly running behind reality? When art is seen rather as a mere leftist hobby than a foundation of humanity?

We have learned that there are no easy answers anymore. We don’t trust ideologies, even though we follow the ideology of capitalism. We know everything is contingent and relative. We replace critique with criticality, the political with the post-political, modernity with post-modernity, and capitalism with added value. But where the answers get too complicated, the desire for simple solutions is growing. And we – perhaps indeed leftist hobbyists – seem to have lost contact with a larger base. The constant awareness of the complexity of the notions of truth, reality or politics seems to have manoeuvred us into a dead-end road: either we are too simple, or we are too complex, too populist or too stuck in hermetic eremitism. Either we include too much or we exclude too many.

So what is to be done? Should art help in solving problems that politics and society themselves have ignored for so long? Should art be a social or political tool, can it be useful? And why should it know what to do when nobody else does?

“Truth is concrete” is what was written in big letters over Bertolt Brecht’s working desk in his Danish exile –quoting Lenin quoting Hegel quoting Augustin. We take the possibility of concrete truth as a working hypothesis and look for direct action, for concrete change and knowledge. Big or small scale, loud and aggressive, or intimate and careful. Obscure or obvious. An art that not only presents and documents but that engages in specific political and social situations – and an activism that not only acts for the sake of acting but searches for intelligent, creative means of self-empowerment: artistic strategies and tactics in politics, political strategies and tactics in art.

www.steirischerherbst.at

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